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WIE MAN KUNDEN AN DEN HAKEN KRIEGT

Autor: Florian Jürgs

Wenn das Gedruckte immer weniger Käufer findet, könnte man den Abgewanderten einen digitalen Kiosk offerieren, in dem sie sich wie in einem Delikatessengeschäft das Beste unter allen Angeboten selbst zusammenstellen und dann mit ihrem ausgewählten Menue an die Kasse gehen. Selbst die ist nur einen Klick entfernt.

Der Online-Kiosk heisst Blendle, und in dem müssen nicht mehr ganze Zeitungen oder Magazine gekauft werden wie früher selbst dann, wenn nur ein einziger Artikel interessant zu sein schien. Sondern just nur dieser einzige. Vor drei Jahren gründeten der Journalist Marten Blankesteijn und der Internet-Unternehmer Alexander Köppling, beide 29 Jahre alt, in Utrecht einen Online-Kiosk. Zulieferer und Kunden zugleich sind alle in Holland erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften.

Er bietet ihnen für eine Zielgruppe, die sich für ihre gedruckten Produkte nicht mehr interessiert, wahrscheinlich sogar nie mehr, ein neues Geschäftsfeld. Auf dem erreichen sie Leser, die sie eigentlich bereits verloren und aufgegeben haben. Sie diese und diese sie. Jetzt hängen sie wieder am Haken. Denn pro Artikel aus gedruckten Angeboten brauchen die Leser für den Download auf ihr Tablet oder ihr Smartphone nur zwischen 45 Cent und zwei Euro bezahlen, je nach Wertigkeit und Umfang des Textes. 

Old und New Economy der Presse haben sich in einem anderen Beispiel zu einer Koalition verabredet. Die Idee hätte ohne Startkapital durch die holländische Regierung nicht funktioniert. Offenbar sitzt dort an entscheidender Stelle ein Mensch, der weiß, dass Demokratie ohne eine kritische Öffentlichkeit nicht funktioniert. Und wenn diese Öffentlichkeit nicht mehr erreichbar ist auf bedrucktem Papier, muss sie im Netz eingefangen werden. In diesem Fall durch Blendle. Inzwischen sind auch alle deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage dort vertreten, von den per Klick erzielten Einnahmen bekommen sie siebzig Prozent, dreißig bleiben bei den Kioskbesitzern. Rund 650000 Nutzer habe man in Holland und in Deutschland.

Foto: © blendle

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